THE SOUND OF SILENCE

Ich kann es immer noch kaum fassen: Meine erste Live-Lesung findet auf dem Holy Ground in Wacken statt, vor bis zu 2.000 Menschen. Aber diese Geschichte beginnt sehr, sehr viel früher.

Ich bin mit Rock’n’Roll und Metal groß geworden. Während meine Klassenkameraden Kassetten von New Kids on the Block geschenkt bekamen, hielt ich zu meinem sechsten Geburtstag mein erstes eigenes Album in den Händen: Blizzard of Ozz. Das war im Dezember 1985. Ich habe dieses Tape so oft gehört, bis das Band ausleierte und andauernd Bandsalat verursachte. Ich höre sein wahnsinniges Lachen heute noch im Kopf, bevor das Riff von Crazy Train einsetzt: ‚All aboard!‘ Genau das ist doch der Charme von Kassetten. Gut zehn Jahre später, 1996, mit sechzehn, stand ich zum ersten Mal selbst in Wacken im Publikum. Von oben bis unten voll mit Schlamm, irgendwo zwischen Zelten, knöcheltief im Matsch und ein paar zehntausend anderen.

Wenn du einmal Blut geleckt hast, lässt dich die Musik nie wieder los. Irgendwann fand ich mich als Fotograf für den Metal Hammer wieder. Ich machte Fotos für den Musikexpress und wurde dafür bezahlt, auf jedes verdammte Konzert in Berlin zu gehen. Über mein Leben hinweg, in meiner Laufbahn hinter der Kamera, bei Filmproduktionen und für Magazine, durfte ich die meisten meiner Jugend-Idole treffen, fotografieren und interviewen (zumindest die, die damals noch lebten). Einige sind vom hochgehobenen Idol zu echten Freunden geworden.

Nach Wacken kam ich als Teil einer DVD-Produktion zurück. Mit einem Mal stand ich mit der Kamera in der Hand wieder dort, wo ich früher im Matsch gestanden hatte. Ich lebte einen langersehnten Traum und lange war es genau das.

Doch das Leben ist nicht immer so, wie man es gerne hätte. Die Gesellschaft flüstert dir ein: Du musst erwachsen werden. Du brauchst eine Rente, du brauchst einen festen Job. Du kannst doch nicht dauernd nur dieses kreative Zeug machen und Träumen hinterherjagen. Ich fing an, das zu glauben. Ich fing an, alles richtig machen zu wollen: Nine-to-Five-Job. Absicherung. Nicht unbedingt das tun, was ich wollte, sondern das, was man eben machen muss. Ich versuchte, der Gesellschaft gerecht zu werden.

Was soll ich sagen, es ging abwärts. Wer nicht das macht, wonach sein Herz sich sehnt, verliert sich. Ich habe jahrelang zu viel gearbeitet, bin ausgebrannt und in Depressionen gefallen. Ich funktionierte noch. Von außen sah vieles sogar erfolgreich aus. Doch ich verlor immer mehr den Zugang zu den Dingen, die mich einmal ausgemacht und glücklich gemacht hatten.

Als dann auch noch die Musik aus meinem Leben verschwand, wurde es dunkel. Über mehr als zehn Jahre konnte ich so gut wie keine Musik hören. Kein Radio, keine neuen Platten, keine Konzerte. Manchmal ein, zwei Songs, vielleicht eine halbe Stunde, dann hielt ich es nicht mehr aus. Es war zu emotional, zu aufwühlend. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Die Emotionen, die hochkamen, fühlten sich an, als wären es nicht meine eigenen. Wenn überhaupt etwas ging, dann nur das, was ich ohnehin kannte. Die, die blieben, waren The Doors, Tenacious D und der Madman, Mr. Ozzy Osbourne.

Ich war an einen Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich nicht mehr kreativ arbeiten konnte. All das, was mich Jahrzehnte begleitet hatte, was mich ausgemacht hat, all die Bilder und Ideen, die ich im Kopf hatte und ausdrücken wollte, ließen sich nicht mehr formen. Ich konnte nicht mehr gestalten.

In dieser Zeit entdeckte ich das Schreiben für mich und musste feststellen, dass es das Einzige war, was noch ging. Ich hatte vorher nie geschrieben. Ich hatte immer mit Autoren zusammengearbeitet, die meine Ideen in Drehbücher verwandelten. Es war eine Arbeit, von der ich dachte, ich könne sie nicht. Mit meiner ausgeprägten Lese-Rechtschreib-Schwäche und meinem ständigen Kampf mit der deutschen Grammatik hatte ich nie das Vertrauen, jemals „Autor“ werden zu können. Auch heute würde ich mich nicht so nennen, sondern eher „Geschichtenerzähler“.

Umso glücklicher war ich, als ich feststellte, dass das Schreiben eine neue Form war, in der ich etwas erschaffen konnte. Ich konnte mich endlich wieder ausdrücken.

Daraus wurde nach und nach ein Weg. Kein gerader Weg, keiner, der sich sauber beschreiben lässt. Aber einer, der mich bis heute Stück für Stück aus dem herausführt, was war, und hin zu einem Leben, das sich wieder nach mir anfühlt. Ich hatte mich im Laufe der Jahre verloren, und das Schreiben half mir, mich wiederzufinden. Ich sehe mich wieder. Ich fühle mich.

Mit dem Schreiben kam auch die Musik zurück. Nicht mehr so wie früher. Ich brauche heute sehr viel mehr Ruhe als der Junge, der 1996 in Wacken von den riesigen Boxen in die Menge gesprungen ist, um sich von ihr tragen zu lassen. Die Musik, die ich heute höre, ist ruhiger, weniger Metal, mehr Singer-Songwriter. Aber sie ist wieder da und genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, wie sie immer war.

Wenn ich heute introvertiert und zurückgezogen an meinem Schreibtisch sitze und Fantasy mit dunklem Märchenherz schreibe, dann hätte ich nie gedacht, dass mich dieser Weg eines Tages zurück nach Wacken führen würde.

In meiner Geschichte, die ich dort als Weltpremiere vortragen darf, findet Alex im Jahr 1985 das Ei eines weißen Greifen. Das Wesen, das daraus schlüpft, reagiert auf Musik wie kein anderes. Es reagiert auf Judas Priest, Def Leppard, vor allem aber auf Black Sabbath und Ozzy Osbourne. Für Alex lag nichts näher, als seinen neuen gefiederten Freund kurzerhand Ozzy zu taufen.

Eine Weile dachte ich, das sei einfach eine natürliche Hommage. Inzwischen glaube ich, dass es mehr war. Ozzy war eines der wenigen Dinge, die selbst in den stillen Jahren nie ganz aus meinem Leben verschwunden sind. Als vieles andere nicht mehr ging, war seine Stimme immer noch da. Der Greif hätte wahrscheinlich gar nicht anders heißen können.

Am 31.07.2026 darf ich diese Geschichte ausgerechnet in Wacken erzählen. Auf einem Festival, auf dem Judas Priest Headliner ist und Ozzys langjähriger Gitarrist Zakk Wylde mit Black Label Society auf der Bühne stehen wird. Und um den Kreis zu schließen: An genau diesem Tag spielen auch Subway to Sally, eine der ganz großen Bands meiner Jugend. Zu ihren Konzerten bin ich früher als Fan gefahren. Ziemlich genau zwanzig Jahre ist es her, dass ich sie auf dem Wave-Gotik-Treffen filmen und interviewen durfte. Damals war ich der junge Typ hinter der Kamera. Heute stehen wir am selben Tag auf derselben Running Order.

Ich habe mit einer verschlissenen Kassette von Ozzy Osbourne angefangen, mit der Sehnsucht im Publikum und dem Blick durch den Kamerasucher. Jetzt kehre ich als Geschichtenerzähler zurück. An einen Ort, der sich an diesem Tag genauso gut wie ein neuer Anfang anfühlen könnte. Der Kreis ist geschlossen und ein neuer Weg beginnt.

Schade nur, dass der Prince of Darkness seinen weißen Namensvetter nie kennenlernen durfte.

Für die Unerschrockenen, die Weggefährten und all die wunderbaren Verrückten, die an mich und diese Geschichte geglaubt haben – selbst in den Momenten, in denen ich es selbst nicht konnte: Danke. Wir sehen uns im Schlamm.

Fr, 31.07.2026 · 16:00 Uhr · Welcome to the Jungle Stage · W:O:A 2026

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Maxim Matthew

Maxim Matthew, 1979 in Berlin geboren, ist Fantasy-Autor, Geschichtenerzähler und Schöpfer des Universums Echoes of Neverland. Nach über zwei Jahrzehnten in Film, Design und Fotografie schreibt der Debütautor heute nostalgische Fantasy mit dunklem Märchenherz. Sein erster Roman „Frøstfædrin – Der Ruf des weißen Greifen" erscheint 2027.